Schaniegeln mit Reet

04.10.12

Da ich aus dem schönen Frankenland komme, hatte ich leider nie die Möglichkeit, ein Reetdach in Augenschein zu nehmen. Als ich dann endlich in den Norden kam, war ich echt angetan von dieser schönen Dachart. Also beschlossen wir (r.frd .Zi. Willner Marcel und meine Wenigkeit), bei einem Krauter in Risum-Lindholm (Nordfriesland) zünftig vorzusprechen. Da der Krauter nicht anzutreffen war, beschlossen wir gleich am Montagmorgen um 6 Uhr auf der Matte zu stehen und siehe da, er schickte uns gleich mit seinen drei Angestellten zur Baustelle.

Wir waren zwar völlig planlos, aber als es hieß: "das alte Reet muss runter!" wussten wir schon, was zu tun ist. Derjenige, der unten steht und das Reet mit der Foge/Mistgabel auf den Hänger schmeißt, freut sich am Abend umso mehr auf eine Dusche!

Da nun das alte Reet runter war, wurden die längsten Halme mit dem größten Durchmesser einfach auf den Latten verteilt (die so genannte "Bordschicht" verhindert, dass die Schilfspitzen in den Dachboden hängen). Dann wurden in der Zwischenzeit die Reetbunde (Durchmesser 30-40cm) nach dem Durchmesser der Halme sortiert; das ist wichtig, weil die Halme von der Traufe größer sein müssen und zum First hin immer kleiner werden.

Und dann geht’s auch schon los. Man kann die Bunde, mithilfe einer bestimmten Technik zum Kameraden oder den Kollegen „schnalzen“ lassen (erspart jede Menge Schlepparbeit & macht Spaß). Somit schießt man erstmal ein paar Bunde aufs Dach.

Man braucht zum Decken auch spezielles Werkzeug:

Deckstühle
Sind 2 Dreitrittleitern mit 40cm langen Haken auf der Rückseite, die sich dann in eine Latte automatisch einhaken und man sich somit auf dem Dach bewegen kann.

Saumstock, Haltestock
Eines der einfachsten Hilfsmittel zum Runterdrücken von Reet bei genähten Dächern ist eine möglichst lange, gehobelte Latte, an deren einem Ende ein gebogener Griff (früher oft die Spitze eines Kuhhornes) angebracht ist. Diese nennt man Haltestock oder auch Saumstock. Heute verwenden viele Dachdecker anstatt des Saumstockes verzinkten Rundstrahl (Stangendraht) und Knechte.

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Saumhaken, Dachhaken
Auch Knechte genannt, sind etwa 35 bis 55 cm lange, am oberen Ende gebogene Eisenstecken, an deren seitlichen Kanten Widerhaken eingearbeitet sind. Sie dienen nicht nur der provisorischen Befestigung von offenen Reetbunden, sondern auch zum Festhalten des Saumstocks bzw. Stangendrahtes. Zum Entfernen werden die Knechte um 90° gedreht und wieder herausgezogen.

tl_files/rechtschaffene-zimmerer/content/news/Saumhaken_Dachhaken.jpgKnecht

Gebogene Bindenadel mit Öse oder Widerhaken
Die Bindenadel mit Öse ist meist 60 bis 75 cm lang und wird aus 8 bis 10 mm Rundstahl geschmiedet und mit einem Griff (früher meist eine Kuhhornspitze) versehen. Sie wird bei gebundenen und bei genähten Dächern eingesetzt und dient beim Bindevorgang dazu, den Bindedraht durch das Reet nach oben zu ziehen. Bei der gebogenen Bindenadel ist die Nadel zum unteren Ende hin gebogen. Die Enden sind abgeflacht und mit einer Öse versehen, durch die der Bindedraht gefädelt wird. Dies kann auch mit Hilfe eines Widerhakens geschehen.

tl_files/rechtschaffene-zimmerer/content/news/Gerade_Nadel_mit_Widerhaken.jpg                                          tl_files/rechtschaffene-zimmerer/content/news/Gebogene_Nadel_mit_Oese.jpg

gerade Nadel mit Widerhaken                                      gebogene Nadel mit Öse


Rödler
Zum befestigen der Bindung (0,5 - 1,0cm Drahtstange)

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Bitverlängerung (ca. 40 cm)
Um bei schwer erreichbaren Stellen wie z.B. Grat oder Walm mit Hilfe der Dachdeckerschraube die Bindung zu befestigen.

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Klopfbrett
Das wichtigste Hilfsmittel für die Deckung von Schilfdächern ist das Klopfbrett, ein bis zu 22 × 40 cm großes, mit vielen Vertiefungen versehenes Holz- oder Aluminiumbrett, das mit einem Handgriff und einem Dorn auf an der Oberseite versehen ist. Mit dem Klopfbrett wird die Dachhaut gerade geklopft und das Deckmaterial in eine gleichmäßige glatte Fläche gebracht. Am Dorn lässt sich das Klopfbrett im Dach aufhängen.

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Man braucht an Material noch:

Stangendraht, Saumdraht
Ist ein  4 - 8 mm verzinkter Draht, der beim Nähen oder Schrauben eines Daches benutzt wird. Mit Hilfe des Stangendrahtes werden die einzelnen Reetschichten an der Unterkonstruktion gehalten.

Bindedraht auf einer Spule
Ist ein 1,0 – 1,4 mm starker Chromnickeldraht, der zum Binden, Nähen oder Schrauben verwendet wird. Bei dem genähten und dem geschraubten Dach zieht der Bindedraht den Stangendraht an die Unterkonstruktion und hält so die einzelnen Reetschichten.

Dachdeckerschrauben
Sind Schrauben, um die ein 1 mm starker Chromnickel-Bindedraht gewickelt ist, dessen Enden jeweils ca. 40 cm lang sind. Dachdeckerschrauben sind in Längen von 35 – 100 mm erhältlich.

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Um euch es leichter zu erklären bzw. wie so etwas in der Herstellung aussieht, hier eine kleine Skizze:

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So, nun legt man ein oder zwei Reetbunde vor sich hin, legt den Haltestock darauf und fixiert ihn mit den Knecht (Dachhaken). Dann öffnet man die Bunde und verteilt sie vor sich mit der Hand, dabei muss der Haltestock fest runtergedrückt werden. Jetzt nimmt man den Stangendraht und fixiert ihn ebenfalls mit einem Knecht, so kann man ihn ganz entspannt mit den beiden Nadeln vernähen. Man nimmt den Draht und steckt in durch die Öse der gebogenen Nadel und fixiert ihn durch einen Widerhaken; dann steckt man sie oberhalb der Latte durch das Reet. Die gerade Nadel wird ebenfalls aber auf der unteren Seite der Latte durchgestoßen. Mit einer Drehbewegung wird nun der Draht mit dem Widerhaken aufgenommen und man kann ihn nach oben ziehen. Das braucht am Anfang viel Geduld und Übung, aber so am zweiten Tag hat man dann den Dreh raus und man erwischt fast immer den Draht.

Dann werden die beiden Drahtenden mit dem Rödler festgedrillt. Man muss darauf achten, dass der Stangendraht das Reet rechtwinklig zum Dach drückt, um die bestmögliche Stabilität zu bekommen. Und das wird solange wiederholt, bis man 40 cm von Oberkante Latte bis Oberkante Reet erreicht hat. Wenn wann an Stellen wie Gratsparren oder Walmspitze kommt, die man nicht mit den Nadeln nähen kann, da werden dann die Schrauben mit den Drahtenden einfach reingeschraubt. Und so näht man dann den ganzen Tag rum, während man mit den Kollegen „klönen“ kann.

Das Klopfbrett kommt dann zum Einsatz, wenn man schon etwas Fläche sieht. Und nun kommt die ganze Kunst dabei: man muss das Reet in eine Flucht klopfen, sodass man eine gleichmäßige Dachfläche hat. Wenn eine Gaube ins Spiel kommt, dann gibt es auch bestimmte Tricks dabei, z.B. eine Klopfbrettbreite vom Fenster bis zur „Traufe“ der Gaube; aber da hat jeder Reetdachdecker so seine eigene Art und dann muss man natürlich das Reet per Auge in eine Rundung klopfen. Wenn man dann am First angelangt ist, kommt der lauteste Teil der Arbeit, und zwar wird mit der Heckenschere das überstehende Reet waagerecht abgeschnitten. Das war es dann auch schon mit der Lautstärke, nun wird wieder seelenruhig weitergearbeitet.

Nun zum First. Es gibt verschiedene Arten von Firsten, z.B. einen mit Grassoden (schaut aus wie überlappende Grasteppiche, die mit Sticken (Holzpflöcke) befestigt sind) oder - den ich persönlich am schönsten finde - einen Heidekraut First. Der letztere wurde auch nur von der Firma gemacht. Man braucht dafür ein Achteck- Drahtgeflecht, das man auf beiden Dachhälften, 30 cm unterhalb vom First, festnäht und mit Heidekraut ausfüllt. Dann wird es im Zick-zack, wie eine „Coursage“, mit dem Draht verschnürt. Fertig ist das ganze Hexenwerk.

Man muss dazu sagen, dass das Klopfen des Reets viel Übung und jahrelange Erfahrung braucht, um schnell voranzukommen. Ansonsten ist es eine sehr schöne und ruhige Arbeit, die auch echt Spaß macht. Aber leider wie alle monotonen Arbeiten irgendwann langweilen kann und so hatten wir es anderthalb Monate bei dieser Krauterei ausgehalten. Lag aber auch daran, dass die Kollegen uns nichts mehr beibringen konnten und wollten! Wahrscheinlich die Angst um den Arbeitsplatz :-)

Ich hoffe, dass ich euch einen kleinen Einblick ins Reetdachdecken geben konnte und kann euch nur empfehlen, es auch mal auszuprobieren.

Wünsch euch allen weiterhin Fixe Schaniegelei & Fixe Tippelei

Mit kameradschaftlichem Gruß und Handschlag

rechtschaffener fremder Zimmerer, Schuster Alexander

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